Einmal im Jahr steht China für eine Woche still – zumindest was den Arbeitsalltag betrifft. Die sogenannte Golden Week ist eine landesweite Feiertagsperiode ab dem 1. Oktober, dem Nationalfeiertag zur Gründung der Volksrepublik. Sie wurde eingeführt, um den Tourismus zu fördern, Familienbesuche zu ermöglichen und der Bevölkerung eine längere Erholungspause zu bieten. Millionen reisen quer durchs Land, Sehenswürdigkeiten sind überfüllt, und die Wirtschaft profitiert in bestimmten Bereichen – während Büros und Fabriken für eine Woche pausieren.
Mein Kommilitone, Bennet, und ich haben uns zusammen mit den Millionen von Chinesen auf die Reise begeben – auch weil es die einzig freie Woche im gesamten Semester ist.

Von der Uni gab es für jeden sogar zwei bunt verzierte Mooncakes.
Diese traditionellen chinesischen Gebäckstücke werden zum Mittherbstfest verschenkt und gegessen. Sie symbolisieren Zusammengehörigkeit und Vollkommenheit und sind meist mit süßer Paste gefüllt – etwa aus Lotus, roten Bohnen oder Nüssen – oft mit einem salzigen Eigelb in der Mitte, das den Vollmond darstellt.
Ein kurztrip nach Huangshan

Los ging die Reise in Shanghai Süd. In dem Bahnhof, der eher an ein Fußballstadion erinnert, wurde mir das erste Mal bewusst, was es bedeutet wenn ganz China verreist. Trotz der Menschenmassen lief die Sicherheitskontrolle und der Check-in sehr gesittet ab und selbst ich, mit meinem rudimentären Chinesisch verstand, wann und wo ich mich anstellen musste.


In der Bergregion rund um Huangshan („dem gelben Berg“) angekommen, bezogen wir dann unsere spärlich eingerichtete Unterkunft – einen Duschvorhang gab es nicht, dafür aber je einen Aschenbecher in Bad und Schlafbereich.
Tag 1
Von der Unterkunft mitten im Nirgendwo ging es am ersten Tag zunächst in den Stone Forrest. Diese vulkanischen Gesteinsformationen versprachen auf den Bildern im Internet ein besonderes Naturspektakel. Die Realität sah allerdings etwas anders aus. Anstatt atemberaubender Felsen bekamen wir einen verlassenen Kinderfreizeitpark zu sehen. Lediglich ein kleiner Weg führte zu den im Internet angepriesenen Gesteinsformationen. Ansonsten gab es vor allem bunte Rutschen, Cart-Bahnen und Dinosaurierfiguren zu entdecken.

Wir ließen uns nicht entmutigen und machten uns auf den Weg in die Bergregion Qiyunshan. Unser Ziel dort: Ein kleines Bergdorf. Nach unzähligen Stufen gelang uns der schweißtreibende Aufstieg – aber das war nur der Anfang. Oben im Dorf angekommen ging es weiter – vorbei an Tempeln, Klippen und Hütten vor denen Chilis und Mais getrocknet wurde. Über die Wanderwege erklommen wir die Spitze des höchsten Berges, bevor wir uns wieder auf den Weg nach unten machten.




Tag 2
Am nächsten Morgen spürten wir die 30 tausend Schritte des vorherigen Tags noch deutlich. Trotzdem entschieden wir uns zu Fuß in das historische Dorf Xidi zu wandern. Dafür folgten wir dem knallblauen Fahrradweg 6 km durch die sengende Mittagshitze. Im Dorf angekommen stellen wir, wie so oft auf dieser Reise, erneut fest, dass chinesische Reiseziele ein Stückweit anders sind als wir es kennen. In dem malerischen uralten Dorf gab es neben Reisfeldern unter anderem Bubbeltea-Läden, einen KFC sowie Kaffee-Ketten und Supermärkte. Eine gewisse Ladung Kitsch mit Fake-Nebel, bunten Lichtern und Plastikfiguren durfte natürlich nicht fehlen.



Am späten Nachmittag ging es weiter nach Hongcun. Mit Händen und Füßen konnten wir dafür am Schalter ein Busticket kaufen und Dank einiger netter Chinesen stiegen wir auch nur fast in den falschen Bus ein. Der See neben Hongcun bot besonders im Sonnenuntergang eine tolle Szenerie und die Reisfelder waren im Vergleich zu Xidi nicht von Foto-hungrigen Chinesen durchzogen. Mit den Abendstunden erwachte Hongcun noch weiter zum Leben. Die bunten Leuchtreklamen priesen die verschiedenen Restaurants an, auf den Straßen herrschte reges Treiben und an jeder Ecke boten Händler kleine Snacks an.


Tag 3
Tag drei war bereits der Tag der Rückreise. Wir entschieden uns dennoch den Vormittag zu nutzen, um eine weitere Stadt, Yixian, zu erkunden. Diese Entscheidung erwies sich als gold-richtig. Denn so bekamen wir noch die Möglichkeit eine echte chinesische Altstadt ganz ohne Tourismus kennenzulernen. Dabei kamen wir ganz zufällig in einem Teeladen vorbei, dessen Besitzer uns mit großer Freude und Leidenschaft seine verschiedenen Tees vorstellte.
Er erzählte von seinem Anbaugebiet auf 1700 m Höhe, von den teilweise Jahrzehnte langen Reifungsprozessen, von den Folgen des Klimawandels und wie er und seine Mutter den kleinen Handel über viele Jahre hinweg aufgebaut haben. Während des Gesprächs ließ er uns drei Sorten Tee ausprobieren, goss diese immer wieder auf und zeigte, wie sich der Geschmack mit jedem Aufguss veränderte.






