Seoul – Wintereinbruch im geteilten Land

Das erste Semester ist nun endlich geschafft und die Semesterferien sind gestartet. Für die vorlesungsfreie Zeit hatte ich eine große Rundreise mit verschieden Menschen geplant. Das erste Reiseziel auf meiner Liste war Süd-Korea. In gut einer Woche wollte ich zusammen mit einer Freundin die Hauptstadt des Landes erkunden. Der plötzliche Wintereinbruch mit historischen Tiefsttemperaturen, sollte dies allerdings deutlich erschweren.

Auf Temperaturen von bis zu -12 °C war ich, zum einen mental nicht vorbereitet und zum anderen hatte ich in meinem Gepäck nur wenig Platz für warme Kleidung. Um der Kälte zu entfliehen mussten wir uns immer wieder Orte zum Aufwärmen suchen – mal ein Museum, ein 7-Eleven oder ein kleines Restaurant. Dieser Umstand erschwerte zwar das Erkunden der Stadt, brachte aber den ein oder anderen Vorteil mit sich und sorgte für eine sehr besondere Reiseerfahrung.


Nachhilfe in koreanischer Geschichte

Gezwungener Maßen mussten wir die verschiedenen Museen der Stadt aufsuchen, wodurch wir einen spannenden Einblick in die Geschichte Koreas bekamen.

Koreas Dynastien und der Gyeongbokgung

Die wichtigsten koreanischen Dynastien waren Goryeo-Dynastie (918–1392), die dem Land den Namen „Korea“ gab, und die Joseon-Dynastie, die fast 500 Jahre herrschte und den Konfuzianismus zum Staatsprinzip machte. Der Gyeongbokgung war der Hauptpalast der Joseon-Könige. Er diente als königliche Residenz sowie als politisches und administratives Zentrum des Reiches. Dort konnten wir an einem kalten, sonnigen Morgen die traditionelle Wachablösung beobachten.

Japanische Besatzung

Eine informative Sonderausstellung des National Museum of Korean Contemporary History thematisierte die Unterdrückung der koreanischen Kultur in Zeiten der japanischen Kolonialherrschaft von 1910 bis 1945. Die Kolonialverwaltung unterdrückte systematisch die koreanische Identität: Koreanisch wurde in Schulen und Behörden zunehmend verboten, stattdessen Japanisch vorgeschrieben. Viele Koreaner mussten japanische Namen annehmen. Kulturelle Ausdrucksformen und politische Bewegungen wurden zensiert oder gewaltsam unterdrückt. Nach dem Ende der Kolonialherrschaft begannen Koreaner, Sprache und Kultur systematisch wieder zu beleben. Koreanisch (Hangul) wurde erneut offizielle Amts- und Bildungssprache, historische Namen wurden zurückgeführt und kulturelle Traditionen bewusst gepflegt.

Ausgangssperren

Die zweite Sonderausstellung mit dem Titel „Korea after Dark – Night Scapes of Modern Times“ war ebenso eindrucksvoll. Sie zeigt, wie sich nächtliches Leben in Korea historisch verändert hat: von den strengen nächtlichen Ausgangsbeschränkungen in der Joseon-Zeit über moderne Kontrolle bis zur vollständigen Aufhebung der Ausgangssperre 1982. Die Ausstellung veranschaulicht, wie Nacht früher ein kontrollierter, begrenzter Zeitraum war, und wie er sich zu einer freien, vielfältigen Kultur- und Freizeitlandschaft mit heller Beleuchtung, Nachtleben und sozialen Aktivitäten wandelte. In der Joseon-Zeit (1392–1897) galt eine nächtliche Ausgangssperre. Die Stadttore wurden geschlossen und die nächtliche Bewegung war stark eingeschränkt. 1895 wurde diese Regelung im Zuge von Reformen aufgehoben. Während der japanischen Kolonialzeit gab es zeitweise nächtliche Beschränkungen, vor allem in Krisenzeiten. Nach 1945 führte Südkorea unter der US-Militärverwaltung erneut eine landesweite Ausgangssperre ein, die bis 1982 bestand.

Korea Krieg

Der Koreakrieg (1950–1953) entstand durch die Teilung Koreas in einen kommunistischen Norden und einen westlich unterstützten Süden. Nach dem Angriff Nordkoreas entwickelte sich ein internationaler Krieg mit Beteiligung der USA, Chinas und der UN. Der Krieg endete mit einem Waffenstillstand, aber ohne Friedensvertrag. Deshalb ist Korea bis heute geteilt und die Spannungen bestehen weiterhin. Das Brüder-Denkmal zeigt den Trennungsschmerz und die Folgen des Krieges für die individuellen Menschen des Landes.


Ausflug an die Grenze

Der Ausflug zur demilitarisierten Zone an der nordkoreanischen Grenze war eine sehr besondere Erfahrung. Es fühlte sich merkwürdig und fast unwirklich an, durch ein Fernglas in ein anderes Land zu schauen, das so nah und gleichzeitig so unerreichbar ist. Besonders eindrucksvoll waren die beiden großen Fahnentürme auf beiden Seiten, die sinnbildlich für die Teilung Koreas stehen. Trotz der Kälte war der gesamte Ausflug sehr interessant und definitiv eine besondere Erfahrung.

Auf dem Weg zur Grenze machten wir einen kurzen Abstecher zur Gamaksan Hängebrücke im Grenzgebiet.
Die doppelte Statue des Mädchens auf dem Stuhl ist Teil der sogenannten „Trostfrauen“-Denkmäler und erinnert an koreanische Frauen, die im Zweiten Weltkrieg zur Prostitution gezwungen wurden. Eine der beiden Statuen ist für Nordkorea bestimmt und soll dort eines Tages aufgestellt werden.
Die zerstörte Eisenbahn mit über 1000 Einschusslöchern steht heute als Mahnmal für den Krieg an der Grenze zwischen Nord- und Südkorea.

Sidequests in Seoul

Die Kälte hat dafür gesorgt, dass wir neben den klassischen Sehenswürdigkeiten auch ein paar eher ungeplante Sidequests eingelegt haben – rückblickend fast die besseren Erinnerungen.

Eine dieser Sidequests war mein erstes Mal Schlittschuhlaufen direkt auf dem Seoul Plaza. Ich habe das tatsächlich noch nie vorher gemacht und war entsprechend skeptisch. Es hat mich mehr Überwindung gekostet, als ich zugeben möchte und elegant sah das Ganze definitiv nicht aus. Während andere scheinbar mühelos über das Eis geglitten sind, war ich eher damit beschäftigt, nicht hinzufallen und mir den Arm zu brechen. Genau das hat es aber irgendwie ausgemacht – viel Gelächter, kalte Finger und am Ende doch ein kleines bisschen Stolz das ganze unfallfrei überstanden zu haben.

Ein anderer spontaner Abstecher führte uns ins Gangnam District – natürlich nicht ganz ohne Grund. Dort steht die Statue, die den weltbekannten Song „Gangnam Style“ ehrt. Es ist schon ein bisschen absurd, an einem Ort zu stehen, dessen Name man jahrelang nur aus einem Internet-Hit kannte. Natürlich haben wir uns dort nicht nehmen lassen, zumindest ansatzweise die berühmte Tanzpose nachzustellen.

Da es draußen wirklich eisig war, haben wir zwischendurch immer wieder nach Möglichkeiten gesucht, uns aufzuwärmen. Eine der besten Entscheidungen war dabei der Besuch der Louis Vuitton Ausstellung. Selbst wenn man mit Mode nicht viel am Hut hat, war die Ausstellung unglaublich gut gemacht. Alles war sehr aufwendig inszeniert und eher wie eine Kunstinstallation als eine klassische Markenausstellung. Warm war es dort auch, was zugegebenermaßen ebenfalls ein Argument war.

Das vielleicht unerwartetste Highlight kam aber am letzten Tag. Am letzten Tag habe ich dann noch mehr oder weniger zufällig unseren Freund Sese getroffen, der eine Zeit lang in Korea studiert hat. Zu diesem Zeitpunkt war er gerade auf einer ziemlich verrückten Reise von Berlin nach Tokio – ohne zu fliegen. Er hat mich dann noch in einen seiner Lieblings-Essensläden mitgenommen, in den wir als normale Touristen wahrscheinlich nie gegangen wären. Genau solche Orte sind am Ende oft die, an die man sich am längsten erinnert: kein schickes Restaurant, kein Touristen-Hotspot, sondern einfach richtig gutes Essen und das Gefühl, kurz nicht wie Besucher, sondern wie Einheimische unterwegs zu sein.

Weitere Eindrücke der Reise